„Lasst uns die Warnungen erneuern!“ – Ein Nachruf auf Guido Zingerl

Guido Zingerl Portrait

„Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind …“. 1952 hat Bertolt Brecht diese Zeilen geschrieben. Auf Zeichenpapier und Bildtafeln übertragen, durchziehen sie wie ein roter Faden auch das Lebenswerk des Malers, Zeichners und Karikaturisten Guido Zingerl. Nun aber ist sein Atelier verwaist. Zingerl ist am 23. Februar 2023 im Alter von 90 Jahren gestorben

Zingerl wurde am 19. Januar 1933 als Heinrich Scholz in Regensburg geboren. Nach dem Abitur studierte er Maschinenbau in München und schloss 1957 als Diplom-Ingenieur ab. Nach zweijähriger Berufstätigkeit im Höheren Feuerwehrdienst brach er seine Dissertation am Institut für Holzforschung ab und arbeitete ab 1. Juli 1960 als freischaffender Maler, Zeichner und Karikaturist in München. 1961 trat er in Kontakt mit der Künstlergruppe „tendenzen“ in München, 1962 nahm er seinen Künstlernamen Guido Zingerl an. 1969 erhielt er den Kulturförderpreis der Stadt Regensburg. In der Folgezeit malte und zeichnete er große Zyklen, unter anderem zur Geschichte der Stadt Regensburg und des Landkreises Fürstenfeldbruck. Er gab ein Dutzend Kunstbücher mit seinen Arbeiten heraus. 1985 und 1995 erhielt er den Kulturpreis des Landkreises Fürstenfeldbruck. 2013 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Kulturpreis der Stadt Regensburg ausgezeichnet.

Auch die Stadt Puchheim trauert um den großartigen Menschen und Künstler. Ihre Wertschätzung für Zingerl brachte sie mit dem Ankauf bedeutender Werke von ihm zum Ausdruck. 2004 beschloss der Gemeinderat den Erwerb des Acrylgemäldes „Die willigen Vollstrecker“, eines der Hauptwerke Zingerls. Bildthema ist der Holocaust und (in Anlehnung an die These des Historikers Daniel Jonah Goldhagen) „die große Bereitschaft der meisten gewöhnlichen Deutschen, die rabiate Verfolgung der Juden in den dreißiger Jahren zunächst zu tolerieren, zu unterstützen, oft sogar tätig mitzuwirken“. 2017 kaufte die Stadt Puchheim das Acrylgemälde „Schwarzer Block und Freistaat“, eine Hommage an den ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, der am 21. Februar 1919 einem Mordanschlag zum Opfer fiel.

Zu Zingerls umfänglichem grafischen Werk gehören auch zwei Blätter mit Puchheimer Themen, die er 1995 im Rahmen seines Bilderzyklus „Große Amperlandschaft“ gezeichnet hat. Die eine Tuschzeichnung stellt dar, wie anno 1917 „kriegsgefangene Ausländer im Lager Puchheim die Attraktion des Tierparks übertreffen“. Die andere trägt den Titel „Wie 1919 die weißen Truppen 53 wehrlose russische Kriegsgefangene aus dem Lager Puchheim mißhandeln und am 2. Mai grundlos erschießen.“ Als Leihgaben des Museums Fürstenfeldbruck wurden die beiden Blätter 2018 zusammen mit dem Eisner-Bild im PUC ausgestellt.

Zingerls letzter Kraftakt galt der Gestaltung eines Kunstbandes mit dem Titel „Kassandrarufe“. Etwa die Hälfte der 60 Acrylbilder und Zeichnungen schuf er in den letzten beiden Jahren, die andere Hälfte greift auf ältere, bislang unveröffentlichte Werke zurück. Die Buchvorstellung ist für Ende März in Fürstenfeldbruck geplant.

Text: Werner Dreher

Veröffentlicht im März 2023.

Foto: Guido Zingerl (19. Januar 1933 bis 23. Februar 2023)

Titelbild: Schwarzer Block und Freistaat, Acrylbild 2017

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