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TROTZDEM und ANDERS

Liebe Puchheimerinnen, liebe Puchheimer,

im Sommer gab es sonst immer in vielen Städten Festivals mit der Überschrift „Umsonst und draußen“. Das unkomplizierte und unbeschwerte Dabeisein bei Musik, Zirkus oder Theater, das Genießen von Sommermixgetränken und internationaler Kulinarik und die spontanen Treffen von bisher nicht bekannten Nachbarn aus der gleichen Straße machten diese Tage zu etwas Besonderem, auf das man sich jährlich freute. Wenn das Wetter dann auch noch mitspielte, feierte eine ganze Stadt. 2020 ist diese Art der „Leichtigkeit“ ausgefallen. Auch in Puchheim gab es kein Stadtfest, es gab kein Volksfest, keine Jubiläumsfeiern. Die Sorge, dass 2021 ausgelassene und ungezwungene Feste nicht mehr zustande kommen, diese Vermutung ist begründet. Und überhaupt? Wie sieht die Welt nach oder mit COVID19 aus? Kommt dann COVID21 oder können wir wie bei einem schlechten Traum das Bewährte irgendwann fortsetzen?

Corona ist eine Zäsur, ein Schnitt, ein Datum. Es gibt eine Zeit vor Corona und es gibt die Zeit nach Corona. In beiden Abschnitten leben zwar die gleichen Menschen, jedoch mit grundsätzlich veränderten Lebensbedingungen. Und das weltweit über alle Schichten und Generationen hinweg, kein politisches oder religiöses System ist davon ausgenommen. Diese persönliche Diagnose verlangt eine Reaktion, die ich unter der neuen Überschrift „TROTZDEM und ANDERS“ kurz formulieren möchte.

Das große Experiment des Shutdowns hat bewiesen, dass es tatsächlich in einer hochkomplexen Gesellschaft innerhalb von Tagen möglich ist, die Systeme des Alltags, des Arbeitens, des Lernens, des Zusammenlebens, der Freizeit usw. auf „Stand-by“ zu setzen. Dabei entstand zwar ein enormer Schaden in vielerlei Hinsicht, der allerdings keine politische Krise provoziert und auch nicht zu radikalen Umwälzungen geführt hat. Auch wenn diese Zeit des Moratoriums wesentlich geprägt war von Stillhalten, Vorsicht, Achthaben, in Deckung gehen, zeigten sich gleichzeitig zwei Grundeinstellungen und Motivationslinien, die während des Lockdowns wichtig waren und die jetzt die nächsten Schritte bestimmen werden.

Erstens hatten die meisten Menschen die feste Überzeugung, dass dieses Gewitter über kurz oder lang vorüberziehen würde und zweitens retteten viele die ihnen wertvoll erachteten Routinen und Strukturen durch Kreativität und Improvisation während dieser radikal veränderten Rahmenbedingungen. Nachdem wir also diese erste Welle überstanden haben und auf die zweite Welle sehr viel besser vorbereitet sind, verfestigt sich der Wunsch, dass wir trotz Corona wirtschaftliches, soziales und kulturelles Leben wieder aktiv gestalten wollen. Ja, wir haben tatsächlich erkannt, dass es nicht immer nur ein Müssen („Ich muss ins Büro, ich muss in die Schule, ich muss einkaufen!“) gibt, sondern dass wir viele der bisher als Zwang empfundenen Tätigkeiten wieder machen wollen. Zwar nicht mehr so wie vor einem Jahr, aber trotzdem nicht so wie im Frühjahr 2020. Das ist mit dem TROTZDEM gemeint: Wir trotzen dieser Bedrohung, wir zeigen Widerstandskraft, wir lassen uns nicht entmutigen, wir machen weiter! Trotzdem. So wie Luther, der am Abend vor dem Weltuntergang ein Apfelbäumchen gepflanzt hätte. Ob und wie wir da durchkommen, kann niemand so richtig sagen, aber erst mal trotzig dagegenhalten ist allemal klüger als alles bisher Erreichte über Bord zu werfen.

Trotziges Gehabe wird allerdings allein nicht reichen, weil die Auswirkungen dieser Pandemie keine kurze Episode sind, sondern dauerhafte Veränderungen hervorrufen werden. Die Zeit nach Corona wird also ANDERS sein als unser Leben vor Corona. Freilich kann man sich gegen Veränderungen stellen, weil man davor Angst hat, weil man seine Gewohnheiten eben nicht ablegen will, weil man noch keine bessere Lösung hat oder weil man wie die Maskenverweigerer einfach dem Rest der Welt auf egoistische Weise demonstrieren will, dass das ganze Weltenspiel sowieso falsch läuft. Man kann aber auch, und das ist mein Ansatz, den äußeren Impuls zur Veränderung nutzen, um sich die Grundlagen des Zusammenlebens genauer anzuschauen.

Erstaunlicherweise beweisen die Aktionen während des Shutdowns, dass viele vorher als undurchführbar geltende Maßnahmen offensichtlich in der Praxis dann doch funktionierten. Homeoffice, Schichtunterricht, Onlineverwaltung. Genauso wenig bricht das Versorgungs- und Infrastruktursystem zusammen. (Abgesehen davon, dass es im Frühjahr zu wenig Klopapier in den Läden gab.) Im Gegenteil entdeckten wir neue Formen der Unterstützung wie zum Beispiel Einkaufshilfen, Maskennähen, Balkonkonzerte. Letztlich kann man bei diesem ungeplanten Experiment der ersten Welle als Zwischenergebnis feststellen, dass unsere Ressourcen, unsere Flexibilität und unsere Mitmachbereitschaft zum Erfolg geführt haben. Die Corona-Sterblichkeit in Deutschland ist im Vergleich zu allen anderen Industrieländern und Nationen sehr gering. Wir mussten in dieser ersten Phase vieles anders machen und wir werden in der nächsten Phase noch einmal einiges anders machen müssen. Dabei können wir auf die Erfahrungen und Lernkurven des Shutdowns zurückgreifen. Eine Erkenntnis zeichnet sich schon ziemlich deutlich ab: die Heil- und Pflegeberufe, das Gesundheitswesen, die Kinderbetreuung in Kita und Schule werden in ihren zentralen Funktionen deutlicher berücksichtigt werden müssen. Und vielleicht führen die Entbehrungen des ersten Halbjahres zum Überdenken unserer Wohlstands- und Überflussgesellschaft nach dem bayerischen Motto: „Braucht‘s des wirklich?“

Unabhängig von einer grundsätzlichen Bewältigung der Corona-Epidemie mittels eines Impfstoffes oder durch Immunität wird es erstens auf die Klugheit der Politik ankommen, die zwischen Einschränkungen und Lockerungen genau abwägen muss; zweitens auf die Flexibilität der Wirtschaft, die neue Arbeitsformen erlauben und bisherige Lieferketten überprüfen muss; und drittens auf den Zusammenhalt und das Engagement der Zivilgesellschaft, der Schulfamilie, der Verwaltung usw. Dies gilt im Großen als auch vor Ort in Puchheim.

Mit dem Programm TROTZDEM und ANDERS wollen wir uns ein Stück Lebensqualität und Zusammenkommen zurückholen. Dabei geht es auch um ein Lernen und Ausprobieren, was wie sicher umsetzbar ist. Wir wollen aber auch wieder Lebensfreude in die Stadt tragen: viele kleinere Angebote, Einladungen und Impulse für das gesellschaftliche Leben aussprechen. Alles umsonst, und das Meiste draußen. Dazu haben wir die uns wichtigsten Schwerpunkte gebündelt und mit Thementiteln wie Sport, Mobilität, Spiel und Beteiligung überschrieben. Informieren Sie sich über die Veranstaltungen am besten auf unserer Homepage oder über die Sozialen Medien, melden Sie sich, wenn Sie Interesse zum Mitmachen haben und passen Sie bitte weiterhin gut auf, dass Sie selbst sich nicht anstecken und möglichst keine anderen anstecken. Corona gehört aktuell und für einige Zeit dazu und wir werden damit zurechtkommen müssen. Danke für Ihr Verständnis und bleiben Sie gesund.

Mit freundlichen Grüßen

Norbert Seidl

Erster Bürgermeister

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